Nachruf auf Joe Jackson

Die eindeutig positiven Positionen zum Musikmanager und Über-Patriarchen Joseph Walter “Joe” Jackson kamen, nachdem sein Tod am Mittwochabend bekannt geworden war, schnell über Twitter: Er habe “nie die Ehre bekommen, die ihm zusteht. (…) Möge die Geschichte sein Vermächtnis korrigieren”, schrieb der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton. Enkel Randy Jr. bezeichnete ihn auf Twitter als “König, der alles möglich machte”. Prince Jackson – der 21-jährige Sohn von Michael Jackson und Debbie Rowe – teilte mit, Joe Jackson werde immer ein “Beispiel für reine Willenskraft und Hingabe” sein.

Es dürfte kein Zufall sein, dass das im Ton eher nach der Zuneigung klingt, die halb verehrten, halb gefürchteten Unternehmens-Tycoonen angetragen wird. Nicht nach der Liebe für einen Großvater. Von den weniger positiven Positionen in dieser Geschichte wird deshalb ebenfalls zu reden sein, wenn es um die Familie geht, die für diesen Joe Jackson immer auch ein Unternehmen war.

Die Geschichte des Tycoons, geboren vermutlich am 26. Juli 1928 in Fountain Hill, Arkansas, lässt sich wohl am besten beginnen auf einem Kran der Firma “U.S. Steel Corp.” – und ist zunächst eine des Scheiterns. Eine von eigenen musikalischen Träumen, die zerplatzen. Mitte der Fünfzigerjahre hatte Jackson selbst eine Band mit seinem Bruder Luther gegründet, mangels Erfolg aber nach ein paar Jahren aufgelöst. Stattdessen jetzt: Maloche in Stahlfabriken in Gary, Indiana. Ein Kran kann ein sehr enger Arbeitsplatz für einen Mann mit Ambitionen sein.

Und Enge ein teuflischer Antrieb. Als Jackson musikalisches Talent bei seinen Söhnen Tito, Jackie und Jermaine ausgemacht hatte, meldete er das Trio bei diversen Wettbewerben an. Marlon und Michael traten der Band bald bei. Die Jackson 5 waren in der Welt – und damit der Drill. Und der Druck. Und die Schläge. Und vielleicht auch der Missbrauch. Wahrscheinlich auch gegen sich selbst.

Der Erfolg kam – und zwar gewaltig

In der Folge wird Joe Jackson jedenfalls mehrere Jobs haben, um die Familie zu ernähren, und alles, was danach noch bleibt oder vorher angespart war, in die Karriere der Söhne stecken. Inklusive seiner spärlichen Restzeit, die er manisch genutzt haben soll, um an der Bühnenshow der Band zu arbeiten, Auftritte zu organisieren, Verträge auszuhandeln. Wie viel Platz für Liebe kann da bleiben? Oder anders: Wie viel Zeichen von Liebe kann Erfolg sein?

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Denn der Erfolg kam – und er kam gewaltig: Nachdem die Brüder einen Amateur-Wettbewerb im berühmten Apollo Theater in New York gewonnen hatten, nahm Berry Gordy die Band 1968 bei Motown unter Vertrag, das damals gerade dabei war, zu einem der bedeutendsten Label für schwarze Musik zu werden. Als das Jahr 1970 um war, hatten die Jacksons vier Nummer-eins-Hits in Folge (“I Want You Back”, “ABC”, “The Love You Save” und “I’ll Be There”) in gerade einmal neun Monaten.

Um mehr künstlerischen Einfluss zu bekommen, und höhere Tantiemen, verordnete Jackson 1976 den Umzug zur zahlungskräftigeren Plattenfirma Epic Records. Weil Jermaine als Solo-Künstler bei Motown bleiben wollte (und dort wenig Erfolg haben sollte), ersetzte der Vater ihn durch den jüngsten Sohn, Randy. Außerdem benannte er die Band in The Jacksons um. Die alten Namensrechte lagen noch bei Motown. “Show You the Way to Go”, sollte zwar die einzige Nummer eins beim neuen Label bleiben, dafür waren die Tourneen extrem erfolgreich – und die Sponsorenverträge gewaltig.

Imperiums-Status also. Insgesamt verkaufte das Familienunternehmen zwischen 1969 und 1989 mehr als 100 Millionen Alben. Angeblich werden mit den Namen Jackson 5 und The Jacksons noch immer bis zu 50 Millionen Dollar verdient – jährlich.

“Wenn du einen Fehler gemacht hast, wurdest du verprügelt”

In einem damals noch deutlich weißeren Amerika eine solche Macht zu werden, ist ein Akt gewaltiger Selbstermächtigung. Wenn die im doppelten Sinn sehr grausige Phrase stimmt, dass nur unter Druck Diamanten entstehen, war Joe Jackson wohl ein begnadeter Produzent und Schürfer. “Er schuf Ikonen, die die Welt noch heute beeinflussen”, twitterte Sänger R. Kelly. Ein, da geht die Ambivalenz schon weiter, ja durchaus großer Künstler, dem mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen.

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Was denn auch die Kehrseite eindeutiger Positionen zeigt: Man kann sich nicht aussuchen, wer sie für einen vertritt.

Die Kehrseite des Erfolges findet sich zum Beispiel in der Autobiografie von Michael Jackson. Der Sänger erzählt darin von einem brutal zermürbenden Probenplan. Bis zu sieben Tage die Woche, im steten Wechsel mit Konzerten, Promo, Interviews. Und er erzählt von Gewalt: “Wenn du einen Fehler gemacht hast, wurdest du verprügelt. Manchmal mit einem Rohrstock, manchmal mit einem Gürtel.” Er sei darüber regelmäßig so wütend geworden, dass er es seinem Vater heimzahlen wollte – und umso mehr verdroschen wurde.

Joe Jackson gestand die Schläge später

Noch grauenerregender sind die Geschichten von La Toya Jackson. In ihren 1991 erschienenen Memoiren erzählt sie, dass ihr Vater sie sexuell belästigt habe: “Wenn dein Vater das Ehebett verlässt und ins Bett der Tochter steigt, und du hörst, wie die Mutter sagt ‘Nein, Joe, nicht heute Nacht. Lass sie schlafen. Lass sie in Ruhe. Sie ist müde’, dann drehst du durch.”

La Toya zog die Vorwürfe später allerdings zurück. Angeblich habe sie unter der Kontrolle eines gewalttätigen Ehemanns gestanden, als sie sie erhoben hatte.

Joe Jackson selbst gestand immerhin die Schläge später ein. “Das war die Art, auf die schwarze Menschen ihre Kinder erzogen”, sagte er in der Sendung von Oprah Winfrey. Schläge mit dem Riemen habe es gegeben, räumte er ein. Seine Arme waren dabei verschränkt wie oft bei Menschen, die Stolz zeigen wollen, aber nur noch Trotz ausstrahlen.

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Seine Kinder hätten sich immerhin stets gut benommen und seien “nie im Gefängnis” gewesen. “Ich bin froh, dass ich hart war”, sagte er 2013 mit Blick auf den Erfolg innerhalb der Familie. “Ich habe Kinder hervorgebracht, die Menschen rund um die Welt lieben. Und sie haben alle gut behandelt.”

Kinder und Enkel waren bei ihm

Was einem eben noch zu sagen bleibt, wenn man den Kindern die Kindheit geraubt und sie phasenweise kaum aus dem Haus gelassen hat – immerhin sind sie gute Menschen geworden. Michael Jackson, der 2009 im Alter von 50 Jahren gestorben war, hatte den Vater in seinem Testament, anders als Mutter Katherine, nicht erwähnt.

Nun ist das Familienoberhaupt selbst gestorben. Die Todesursache ist noch nicht bekannt, Joe Jackson kämpfte aber viele Jahre gegen Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Seit er 2015 drei Herzinfarkte erlitten hatte, trug er einen Herzschrittmacher. Der Website TMZ zufolge waren seine Frau Katherine und einige seiner Kinder und Enkel in den vergangenen Tagen bei ihm.

“Ich habe mehr Sonnenuntergänge gesehen als mir noch bleiben”, hatte Jackson am Sonntag getwittert. “Die Sonne geht auf, wenn die Zeit kommt, und ob ihr mögt oder nicht, geht die Sonne unter, wenn die Zeit kommt.” Dazu war ein Foto zu sehen, das ihn vor einem Sonnenuntergang zeigte. Die satirische Website The Onion veröffentlichte hingegen ein Foto von ihm mit diesem Zusatz: “Himmlische Quellen” berichteten, dass Joe Jackson seinen verstorbenen Sohn Michael bereits anschreie.

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